Examen 2016

Oh ja, das Examen in der Altenpflege. So gefürchtet und dann doch so einfach. „Es wird nicht so heiß gegessen, wie’s gekocht wird“, sagt eine unserer Dozentinnen immer. Stimmt auch. Erst wird man von dem Schwall an Themen, die man lernen soll, erschlagen. Und danach fragt man sich: War das alles?

Aber jetzt gehen wir mal tief in uns und fragen uns: Ist das wirklich alles? Ist das alles, was mich qualifiziert als Plfegefachkraft arbeiten zu dürfen?

Ich finde, dass Examen und Pflegepraxis in keiner Form adäquat sind. Wofür muss ich die abgespacesten Theorien lernen? Warum muss ich Informationen wie „glaubt an das Hellsehen/wird als praxisfern bezeichnet“ über eine Pflegetheorerikerin (Hundert Punkte an den, der weiß wer gemeint ist! :D) notieren? Wofür brauch ich das?!

Das „Staatsexamen“ macht uns doch deutlich, dass die einzige Qualifikation ist, dass man auswendig lernen kann. Wobei das ja auch nicht der Fall ist, weil sich unsere lieben Dozenten die Mühe machen, nur die richtigen Antworten auszusuchen. Ich kann beispielsweise bei der Frage nach Symptomen einer Krankheit alles hinschreiben, was mit gerade einfällt. Und nur das, was wirklich stimmt, wird als richtig gewertet. Um das Ganze zu verdeutlichen: Wenn in einer Aufgabe 5 Punkte erreicht werden können, ich 10 Antworten aufschreibe, von denen 5 falsch sind,  habe ich die volle Punktzahl erreicht.

Wie können nun die Verantwortlichen bestimmen, dass mich das für einen solch verantwortungsvollen Beruf qualifiziert?

Hat sich jemand mal gefragt, warum es so viel unprofessionelles Personal gibt?

Wisst ihr eigentlich, wie grauenvoll Pflegepraxis wirklich ist?

27. September 2015 – Herr XYZ

In unserer Einrichtung wohnt ein Mann, der hatte vor einigen Jahren einen schlimmen Unfall, als er eines Abends mit dem Fahrrad vom Tennis nach Hause fuhr. Ein Auto hatte ihn angefahren.

Er musste not-operiert werden und erlitt starke Hirnschädigungen. Wie sich diese genau im Alltag ohne Medikamente äußern würde und wie sehr sie ihn beeinträchtigen würde, kann ich nicht sagen.
Herr XYZ wohnt bei uns in einem kleinen Zimmer zusammen mit seiner Frau, die schon immer psychisch krank war und jetzt komplett bettlägerig ist, gefangen in ihrer bipolaren Störung (früher unter manisch-depressiv bekannt). Paranoide Schizophrenie, der ganze Körper ein Krampf, mit PEG und Katheter.

Dieser Mann spricht hier in unserem Haus kaum ein Wort. Schüttelt meistens den Kopf oder nickt, wenn man ihn etwas fragt. Viele haben ihn noch nie Sprechen gehört. Ich bin mir nicht sicher, ob er sich seiner Person überhaupt bewusst ist. Er liegt Tag und Nacht mit geschlossenen Augen im Bett, und wir müssen ihn zum Essen mehrmals aus dem Bett in den Speisesaal begleiten, weil er sich immer wieder hinlegt und die Augen schließt. Gleiches Spiel bei der Grundpflege und allem anderen.

Gestern wollte ich Herrn XYZ zum Kaffee rufen und fand diesen – komplett klarem Bewusstseinszustandes, zeitlich, örtlich, persönlich orientiert, und klarer Sprache – in seinem Zimmer auf. Er suchte etwas. Auf Nachfrage sagte er mir, er packe seine Tasche um in (ich hab den Namen leider nicht behalten) ein Dörfchen zu fahren, dort wohnen seine Eltern und seine Schwester.

Seine Mutter lebt tatsächlich noch, aber mehr weiß ich leider nicht. Vermutlich ist er dort aufgewachsen.

Nun stand ich da. Validation in der Schule gelernt, kannste in die Tonne kloppen. Was mach ich? Ich weiss, dass er einmal eine Mitarbeiterin krankenhausreif geprügelt hat, weil diese ihn zu etwas zwingen wollte, was ihm nicht passte. Angst. Ich setzte ein nettes Lächeln auf, sagte ihm, ich würde ihm gerne erst ’n Kaffee anbieten, bevor er sich auf den Weg macht, denn ich wüsste ja nicht, wie lange wir uns dann nicht mehr sehen.

Glück gehabt, zwar etwas unsicher, aber immerhin ging er mit in den Speisesaal und setzte ich auf seinen Platz.

So schnell ich konnte, rannte ich auf die andere Station, auf der die Heimleiterin (aufgrund des unzureichenden Personals) gerade Kaffee austeilte. Wir waren nur zu zweit, von 10:30 bis 15:30 Uhr. Sie sagte mir, ich soll ihm Bedarfsmedikation geben. Also, in der Akte nachgeschaut: Tavor Expedit 1mg.

Zurück im Speisesaal, er saß immer noch auf seinem Platz, sagte ich ihm, ich hätte noch eine Tablette für ihn, „damit wir sie nicht vergessen“, wenn er ja gleich weg gehe.

Nach dem Kaffee begleitete ich ihn erfolgreich in sein Zimmer zum Fernsehen, danach war mein Dienst auch schon vorbei. Reicht auch nach 9,5 Stunden.

Heute, 6:50 Uhr, ich gehe ins Zimmer des Herrn XYZ zur Grundpflege. Er ist wieder klar wie gestern. Führt die Grundpflege außer IKM-Wechsel selbstständig durch, was er sonst nie tut. Aber er war ruhig und hatte nicht den Drang weg zu müssen.

Dann war ich wieder auf einer anderen Station, Medikamente austeilen, dies das. 9:00 Uhr Pause. Etwa 9:40 Uhr ging ich kurz ins Schwesternzimmer zur Dienstführenden Pflegefachkraft/meiner Mentorin. Irgendwoher ein Rufen. Schwester ABC sagte, dass sei Herr XYZ, er möchte wieder weg.

Da stand ich nun wieder. Heute möchte er nach Friedberg, da wohnt er, laut ihm, schließlich mit Frau XYZ, die im gleichen Zimmer in ihrem Bett liegt. Er stellt sich an ihr Bett, ruft sie bei ihrem Vornamen: ,,Komm schnell, wir müssen nach Hause!’’

Dieser Moment trieb mir die Tränen in die Augen. Auch jetzt, wenn ich daran denke. Dieser Mensch, er hat einen Hirnschaden und kann deshalb nicht selbstständig für sich Zuhause sorgen. Doch da möchte er hin. Und da würde er auch immer hingehen, wenn er nicht so starke Medikamente bekommen würde, dass wir denken, er könnte nicht mehr sprechen. Es macht mich bitter traurig. Dass man diesen Menschen ihr Bewusstsein nimmt, weil es anders nicht tragbar ist. Liegt jeden Tag da, sagt nichts und wartet, bis die Zeit vergeht. Letzte Station. Bis der Tod ihn irgendwann bei uns abholt. Obwohl er körperlich noch fit ist, und es geistig auch sein könnte.

Im Zimmer bekam ich ihn erstmal dazu, sich etwas zu beruhigen. Von Schwester ABC bekam er wieder eine Tavor Expedit 1mg. Dennoch ging er in den Flur, auf dem Weg zur Haustür. Abschließen verboten. Schwester ABC ging ein Stück mit ihm raus und brachte ihn dazu, wieder umzukehren. Zurück im Haus blieb ich mit ihm im Zimmer, versuchte zwanghaft ihn irgendwie abzulenken.

Dann wurde es immer schlimmer. Er begann seine Frau aus dem Bett zu ziehen, sie laut anzuschreien. ABC schloss (verbotenerweise) die Zimmertür von außen ab und rief eine Ärztin an.

Und darauf folgte die schlimmste Situation meiner ganzen bisherigen Ausbildung. Ich versuche es in Worte zu verfassen, damit man sich vielleicht annähernd vorstellen kann, wie sich das anfühlt.

Ich bin eingeschlossen in einem Zimmer, Tränen in den Augen, weil es mir so weh tut zu sehen, was Medikamente aus diesem Menschen machen. Gefühle bei einem Menschen zu sehen, von dem ich 2,5 Jahre in guten Momenten ein „Ja“ oder „Nein“ bekommen habe. Bitterer Schmerz in meinem Herzen, wenn ich beobachte, wie verzweifelt dieser Mann da vor dem Bett seiner Ehefrau steht und das erste Mal der Wahrheit ins Auge blicken kann, die die Medikamente ihn nie haben sehen lassen: Die Realität. Seine Frau 35kg, Haut und Knochen.
Die Angst, die mir so schwer im Magen liegt, mir das Gefühl gibt ich müsse brechen: wenn ich eine falsche Handlung mache, wird mich dieser Mann ins Krankenhaus prügeln.

Und das Schlimmste: Ich darf keine meiner Gefühle auch nur annähernd zeigen/auf ihn übertragen, wenn ich diese Situation gut ausgehen lassen will.

Ich unterdrücke alle meine Bedürfnisse. Den Hunger, den ich schon den ganzen Tag habe, die Trauer, die Wut, meine schlimme Angst.

Herr XYZ schrie seine Frau an, er wird nun alleine gehen. Er schlug und trat gegen die Tür.

Aber ich habe es geschafft, selbst, wenn ich mich daran gar nicht mehr so gut erinnern kann, weil ich mich für diese Minuten vergessen habe.

Noch zwei Mal bekam er von uns Bedarfsmedikation. Starke Tropfen.
Die wirken sehr schnell. „Zum Glück“ traue ich mich hier kaum zu sagen, weil es mir so weh tut, dass dieser Mann sein Bewusstsein nicht erleben darf/kann.

Etwas beruhigt, animierte ich ihn dazu mit mir Mensch-ärgere-dich-nicht zu spielen, in der Hoffnung, dass wir eine Einweisung für ihn bekommen, in ein psychiatrisches Krankenhaus.

In der Tür stehend erzählte mir Schwester ABC, dass die Ärztin wortwörtlich sagte, dass wir erst eine Einweisung bekommen würden, wenn er anfange sich selbst oder andere zu verletzten. So ist das. Mehr Medikamente auf Dauer, damit dieser Mann wieder 24 Stunden, 7 Tage die Woche so ist, wie ich ihn bisher kannte. Ende.

Schlussfolgernd kann ich sagen, dass ich froh bin diese Erfahrung heute gemacht zu haben. Vielleicht bringt sie mir in anderen Situationen etwas.
Ich ging (schon lange nach meinem eigentlichen Dienst-Ende) mit dem Gefühl nach Hause, endlich wieder gespürt zu haben, wofür ich das tue. Ich kann die Realität erleben. Menschen. Ich bin diejenige, die zwischen den Menschen und dem stehen, was andere aus ihnen machen.

Und ich weiß wieder, was ich gut kann. Nicht viele Menschen haben diese Gabe, eine solche Belastung auszuhalten, und mit solchen Situationen umzugehen.

Viele werden sich jetzt denken: „Und für Sowas diese schlechte Bezahlung?“, aber andererseits: Wenn dieser Job sehr gut bezahlt werden würde, dann hätten wir einen Haufen Leute, die in dieser Branche des Geldes wegen arbeiten. Und wie geht die Situation mit Herr XYZ dann aus?